Bleau: Im Mekka des Boulderns

Hi climbers,

Bleau bekehrt auch die eingefleischtesten Alpinkletterer“ , behauptete der Pascal, und er sollte Recht behalten. Anfang Mai war ich zusammen mit einer Horde junger Alpenvereinskletterer aus der „Juma“ im Mekka des Boulderns, gelegen nicht mal 100 km südlich vor Paris inmitten eines wunderschönen Waldgebiets. Zehn bis zwanzigtausend Boulderblöcke aus Sandstein soll es hier geben (die Angaben schwanken), gruppiert in dutzende Untergebiete, die mehr oder weniger bekannt sind und Namen wie „Bois Rond“ , „Rocher du Potala“ oder „Cuisinière“ tragen. Geklettert wird hier seit Urzeiten, und seit 1880 oder so werden die Boulder systematisch erfasst und natürlich auch geputzt. Zunächst nutzten französische Alpinisten Fontainbleau, so die Langversion des Namens, als Spielwiese, um ihr Kletterkönnen auch zu Hause zu trainieren. Später avancierte das Bouldern zu einer eigenen Disziplin und wurde zum Selbstzweck.

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Mit den Crashpads auf dem Buckel durch den wunderbaren Wald von Bleau

Jedes Jahr zieht es Heerscharen von Boulderern wie uns hier her, die in kleinen Grüppchen mit Crashpads auf dem Rücken wie Schildkröten durch die Wälder ziehen und vor allem eines suchen: Spaß. Denn darum geht es in Bleau: Zusammen mit guten Freunden in diesem wunderbaren Wald und diesen genialen Felsen eine richtig gute Zeit zu leben.

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Erstmal chillen.

2016-05_Fontainebleu_04Von den Schwierigkeitsgraden muss man sich in Bleau lösen; erstens ist die „Fb“-Boulderskala kaum mit der französischen Routenkletterskala vergleichbar (eine Fb-6a scheint irgendwie ungleich schwerer wie eine „normale“ 6a (UIAA 6+)). In Bleau gibt es nur Boulderprobleme, die einen entweder ansprechen und auf die man Lust hat, oder eben nicht. Und natürlich welche, die zu schwer sind, oder zu hoch, um ohne ernsthafte Gefahr für Leib und Leben oben anzukommen. Das gewissenhafte „Spotten“ des Kletterers durch diejenigen, die gerade nicht klettern, ist in Bleau ein absolutes Muss; die Franzosen, so konnten wir beobachten, verzichten aber oft drauf.

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Spotten ist wichtig…

Überhaupt gibt es einige Regeln, die man auch einhalten sollte, um sich nicht unbeliebt zu machen und das Bouldern umweltverträglich und felsschonend zu gestalten. Dazu gehört das Abputzen der Kletterschuhe bevor man startet. Der Sandstein ist zwar nicht so weich wie beispielsweise im Elbsandstein, wird aber mit der Zeit natürlich doch abgeschmirgelt, und viele Boulder haben dadurch schon ihren ursprünglichen Charakter verloren. Auch bei Nässe darf nicht geklettert werden, der Sandstein ist dann besonders empfindlich und bricht. Dass man Tickmarks (Chalk-/Magnesiamarkierungen) so gut wie es geht wieder entfernt versteht sich von selbst; und seinen Müll sollte man unbedingt wieder mitnehmen. Wir haben einen recht sauberen Wald erleben dürfen, dazu tragen wohl auch die „Ramadama“ -Aktionen bei, die es seit ein paar Jahren mit Unterstützung von Kletter-Equipmentherstellern gibt.

Wirklich sensationell ist der Fels: es gibt die unmöglichsten Formationen, aufmerksame Beobachter sehen nicht nur Platten und Überhänge, sondern auch wundersame Fabeltiere, Steinbeißer und Schildkröten. Charakteristisch sind die quarzigen Stellen, die sich vom Sandstein abheben, leicht speckig anzufassen sind und oft kleine hinterschnittene Kanten geben, die dann als Griffe taugen.

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Jonas und der Steinbeißer

Was in Bleau auch richtig Spaß macht ist das Barfußklettern. Der Grip der nackten Fußsohlen auf dem Sandstein ist in der Regel sehr gut. Und eines sollte man in Bleau können bzw. wird es dort lernen: das „Manteln“ . Diese Stütz- und Schiebetechnik ist beim Aussteigen am Ende der Boulderstrecken auf das Top der Felsen unabdingbar. Es gibt etliche reine Mantle-Probleme in allen Schwierigkeitsgraden.

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Hannes spottet Disky, der Bowie beim Manteln spottet. („Chevalier Blanc“, 4c; Gebiet Cuisinière)

Von den Gebieten, die wir besuchten (Rocher Guichot, Bois Rond, Rocher du Potala, 95.2, Rocher Canon, Apremont Bizons, Bas Cuvier und Cuisinière), war eines schöner als das andere. Bas Cuvier als eines der beliebtesten ist voll, aber die Blöcke und Boulder sind auch wunderschön und das Ambiente mit dem Sandboden zwischen den Blöcken hat schon was. Hier gibt es weltbekannte Boulder wie „Marie Rose“ – erstbegangen 1947 von René Ferlet, die erste dokumentierte Fb-6a – oder den „Helicopter“ (7a).

Dieser Boulder ist normalerweise rund um die Uhr von Flugwilligen und Zuschauern belagert, denn kann der Aspirant den entscheidenden Griff nicht halten, so macht er einen Abgang aus großer Höhe (ca. 3 Meter) und dreht sich dabei in der Regel noch um die eigene Achse. Ein paar Spotter sollte man schon haben, sich auf eine Menge Flugzeit einstellen und junge Knie sein Eigen nennen, welche die Behandlung auch aushalten. Pascal und Jonas probierten diesen Boulder kurz vor’m Dunkelwerden und später im Licht der Stirnlampen immer und immer wieder. Bis Jonas unbewusst und im entscheidenden Moment mit dem Fuß nach hinten kickte, den Ast der vor dem Helicopter wachsenden Birke traf und dieses Bisschen reichte, um ihn im Boulder zu halten. Er konnte den letzten Zug machen, und hatte so den Helicopter – unter großem Gejohle der Spotter und Zuschauer – mit ein wenig Baumunterstützung geschafft. Ich war an diesem Tag auch sehr zufrieden, denn ich hatte „Marie Rose“ durchgestiegen, nach sicher zehn Versuchen und schon in der Dämmerung, als die Temperaturen gefallen waren. Ich hätte nie gedacht, dass diese so entscheidend für den Grip (vor allem bei den oberen entscheidenden Slopern der Marie Rose) sind, habe es aber so selbst erleben können. Meine Haut war danach komplett durch, das Rosa an den Fingerkuppen mehr blutig als rosa, teilweise mit so kleinen weißen Bläschen drauf…

In Rocher du Potala hatten wir beim 5c+ (Teilstück) /7a (gesamte Länge) Hängequergang „Moonshadow“ ein besonders Erlebnis: In der Mitte gibt es einen Spalt, in den Pascal beim Durchstiegsversuch seinen linken Fuß reinklemmte. Und zwar so tief, dass er ihn nicht mehr rausbekam. Vier Spotter waren nötig, um ihn zu stützen und zu stabilisieren, bis er ihn wieder unversehrt rausziehen konnte.  Mit nur einem oder evtl. keinem Helfer hätte das böse enden können… Jonas gelang später der gesamte Hängequergang mit 7a, eine wirklich saubere Leistung.

Der witzigste und zugleich letzte Boulder dieses Urlaubs in Bleau war dann das „Krokodil“ (crocodile) im Gebiet Franchard Isatis neben Cuisinière. Caro führte uns im Dunkeln dort hin, und wir konnten diesen eigenartigen Boulder ebenfalls im Licht der Taschenlampen probieren: unter einer „Krokodilsschnauze“ auf dem Rücken und mit dem Kopf unter der Kehle des Krokodils liegend, greift man mit beiden Händen um die Schnauze herum, macht eine Rolle Rückwärts, verhakt währenddessen das rechte Bein und drückt den Körper unter Beendigung der Rolle so hinauf, dass man zum Schluss auf der Krokodilsschnauze oben sitzt. Auf Youtube gibt es unzählige Videos von diesem Spaßboulder, den ein Scherzkeks mit „6a“ bewertet hat. Macht riesen Laune und ist wirklich zu empfehlen. Ein würdiger Abschlussboulder für diesen sagenhaften Boulderurlaub. Ich komme wieder!

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Anton springt: „Déli-Carte“, 5c+ Sprung; Gebiet Franchard Cuisinière

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Spaß im Wald: vor „A Bras Plat à Bras“ (6c) (Franchard Cuisinière)

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Frühstück: Zeltplatz „La Belle Etoile“ in Melun

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Tägliches Tape-Ritual: Disky kümmert sich um die Finger

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Boulder in Rocher Guichot (6c oder so): Caro zeigt Pascal den richtigen Griff an

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Gebiet Bois Rond: Jonas spottet Nils

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