Kaiser-Dreierlei

Drei Tage frei – Pascal und ich beschließen, zum Klettern in den Wilden Kaiser zu fahren. Wir starten gemütlich am Freitag um 8:15 in München und landen in Scheffau/Tirol, wo wir das Auto am Parkplatz beim Jägerwirt abstellen. Der Weg zum Wasserfall (ca. eine Stunde) ist mir schon vertraut, schließlich konnte ich hier oben schon einige Touren gehen: „König der Löwen“ und „Kunterbunt“ am Treffauer; „Sonneck Pfeiler“, „Blue Moon“, „Delicatessen“ und „Hazo Fantastica“ am Sonneck / Kopfkraxen.

Wir wollen die „Schee Long“ an der Südwand des Sonnecks machen, doch recht schnell ist klar, dass diese Tour in den von unten gut einsehbaren Schlüsselpassagen – 3. und 4. Seillänge immerhin 8 und 7+ – ziemlich nass ist.

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Herrliche Kaiser-Platten

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Wir steigen daher in die rechts davon verlaufende „Schee Direkt“ (7+) ein, eine Tour mit 150 Klettermetern und fünf Seillängen mit 7-, 7, 5+, 7+ und 6+. Aus dem Kalten heraus ist die erste Seillänge – wir starten zwischen Fels und dem letzten Rest Schnee – noch ziemlich unangenehm und pumpig, aber wenigstens nicht nass.

Die nächsten Schritte sind ein Genuss: Bester Fels, dieser Kaiser-Kalk ist einfach unheimlich griffig und rauh. Die Schlüsselstelle der Tour (7+): eine steile Platte zu einem Bauch hin; von einer Untergriffschuppe ein herzhafter Zug nach oben an einen Henkel und auf den Bauch rauf; darüber eine Platte, der Stand ist drei Meter weg, und auf der Platte ist: Nichts. Keine Griffe. Hier hilft nur eins: den Füßen und der Reibung auf der Platte vertrauen, einfach aufstehen und bloß nicht das vom Stand herabhängende Rebschnürl ergreifen, denn das würde, so alt und verwittert es ist, garantiert reißen.

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Stand in der vierten Seillänge der „Schee Direkt“. Haken wohl „Marke Eigenbau“. Rebschnürl nicht mehr ganz neu. Gottseidank ist noch ein solider Klebehaken links davon (nicht im Bild).

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Am Ende der „Schee Direkt“ queren wir auf einem Grasband ungesichert ca. 100 Meter nach links zum Stand der fünften Seillänge der „Schee Long“ und folgen von da an dieser Route fast bis zum Gipfel des Sonnecks. Und da kommt die eigentliche Überraschung: Wenngleich die Schwierigkeitsgrade nicht mehr ganz an die ersten Seillängen heranreichen, sind mindestens sieben der folgenden zehn Seillängen ein absoluter Genuss: Platten, Kamine, Verschneidungen, bestens abgesichert und mit meist festem, griffigen Fels. Selbst der Ausstieg bietet nochmals spektakuläre Verschneidungskletterei in überwiegend festem Gestein; dennoch muss man natürlich immer klopfen und testen, um nicht einen Schwall Steine nach unten zu reißen. Bohrhaken gibt es in dieser kombinierten Tour mit 15 Seillängen, für die wir gut sieben Stunden gebraucht haben, en masse; auffällig war nur, dass von fast allen Ständen weg die ersten Haken recht weit oben angebracht waren. Einen Sturz in den Stand will man natürlich nicht riskieren, dementsprechend unentspannt waren die ersten Klettermeter für den Vorsteiger.

 

 

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Der Schleierwasserfall

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Locals in Äktschn

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Wandbereich im Sektor „Schlangenbiss“

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So ein neues Seil…

Am nächsten Tag ist das Wetter durchwachsen (in der Nacht hat’s geregnet) und für den Nachmittag sind neue Regenschauer und Gewitter angesagt. Kurzentschlossen statten wir dem berühmten Klettergarten Schleierwasserfall an der Südseite des Kaisergebirges nahe Going einen Besuch ab. Ich hätte ja nie gedacht, dass ich da was zu suchen habe, bei all den Zehnern und Elfern der Kletterelite á la Huberbuam & Co – aber das Gebiet ist deutlich größer als angenommen und bietet auch für Normalkletterer Routen ab dem oberen 7. Grad (ein paar leichtere sind auch dabei). Eine Kostprobe der „Freundlichkeit“ der lokalen Kletterelite (oder derjenigen, die sich dafür halten) bekommen wir, als wir am Hauptsektor direkt neben dem Wasserfall zwei g’schaftig vorbeieilende, sonnengegerbte Locals nach trockenen Routen in den linken Sektoren fragen. „Des kummt drauf an, was’d klettern magst“, ist die kurz angebundene Antwort, und schon sind die Helden am 45°-Überhang, schupfen ihre Muskeln auf den mit allerlei Geweihen tätowierten Buckel und steigen routiniert in eine der Zehnerrouten ein, um nach wenigen gut einstudierten Zügen im Seil zu hängen.

Wir reißen uns vom Anblick der beiden los, laufen zu den Sektoren ganz links und onsighten bzw. flashen „Wer zuletzt lacht“ (7+) im Sektor „Skywalk“, eine etwas schräg nach links oben verlaufende Tour über einen Pfeiler, mit fantastischen, handtellergroßen Löchern. Anschließend versuchen wir uns am „Schlangenbiss“ (8-), einer 30 Meter langen (erste Seillänge, eine zweite, wohl selten begangene liegt bei 9-) , ausgesetzten Route mit fantastischen Zugkombinationen. Pascal kann sie trotz schleimiger Nässe in vielen Grifflöchern fast onsighten, versteigt sich aber vor dem letzten Haken und fällt. Mittlerweile regnet es, aber durch die südostseitige Exposition und die Überhänge weiter oben bekommen wir davon fast nichts ab. Wir bouldern „Skywalk“ (8+/9-) im oben genannten Sektor aus, verzweifeln aber beide an einem schwierigen Zug im oberen Drittel, bei dem man ein Zweifingerloch mit links durchblockieren und an fragwürdigen Tritten dynamisch nach oben zu einem vermutlich guten Griff (den keiner von uns beiden richtig zu fassen bekommt) muss. Das Ausbouldern dauert dann so lange, dass wir sogar trockenen Hauptes das Auto erreichen, denn die Regenfront ist mittlerweile durchgezogen.

 


 

Sonntag Morgen hadern wir mit dem Schicksal: in der Nacht hat es ganz schön gegossen, und wir sind uns alles andere als sicher, ob wir eine trockene Mehrseillängenroute finden. Wir entscheiden uns erneut für das Gebiet bei Scheffau und dort für eine kurze, nur fünf Seillängen lange Tour: „Spätlese“ (8) an der Multerkarwand am Treffauer. „Ein 5 Gänge Felsmenue 2015-06-26_Klettern_Kaiser_Pasca_MKarwand_01am Treffauer Wandsockel“, fabuliert www.bergsteigen.com: Auftakt mit 35m 3+-Gelände; Vorspeise mit 18m 6er-Hangeltraverse zum Aufwärmen; 1. Hauptgang 7+, ebenfalls 18m lang, eine „unten überhängende Rissverschneidung, erst herzhaft scharf, dann angenehm in der Verschneidung ausklingend“; 2. Hauptgang 8: „Tropflöcher, steile Wand u. Leisten geben den Fingern und Armen ordentlich Pfeffer, zum Schluss warten wasserzerfressene Schwarten“; und zum Schluss das Dessert (7, 40 Meter): „süßer Platten- und Wasserrillenzauber für alpine Naschkatzen“. Der Einstieg zur Route: Markiert durch einen Bohrhaken mit einem blauen Rebschnürl nebst metallenem Kochlöffel (von dem aber nur noch der Stil übrig ist).

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Einstieg zur 3+-„Vorspeisen“-Seillänge der „Spätlese“; vom Löffel ist nur noch der Stil übrig

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Interessanter Kamin, Route „Sappl-Zott“ (6) links der „Spätlese“

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Pascal in der 3. Seillänge (7+) der „Spätlese“

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Überraschenderweise ist der Fels staubtrocken (was auch an der mittlerweile intensiv scheinenden Sonne liegen mag) und die schweren Seillängen sind wirkliche Leckerbissen bei einer Absicherung wie in der Kletterhalle: Bis auf die 8er-Länge können wir alle frei und beim ersten Mal durchsteigen, und selbst diese hätte Pascal im Vorstieg fast geonsightet, wäre ihm nicht weiter oben — deutlich nach den Schlüsselzügen — die Ausdauer ausgegangen. Nach den diffizilen Platten des „Desserts“ sitzen wir oben am Stand wie auf einem steinernen Diwan und lassen unseren Blick in die Ferne schweifen. Links von uns sehen wir die Wasserrillen der schwierigsten Seillänge der Route „Kunterbunt“ (6), im Süden die hohen Tauern und im Westen den Hintersteiner See am Kaiser und dahinter das Inntal. Das dreimalige Abseilen geht mit den 60-Meter-Halbseilen ziemlich fix und macht speziell im Mittelteil Spaß, da überhängend. Tolle kulinarische Tour in einer tollen Wand, die sicher noch mehr Potenzial für kurze, aber knackige Mehrseillängen hat.

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4. Seillänge der „Spätlese“ kurz nach der Schlüsselstelle (8)

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5. Seillänge der „Spätlese“; wunderbare Kaiser-Platten (7)

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