Klettertraining 2017: Sardinien

Es war schon lange vor der Zeit, da ich dazustieß, eine Tradition: Das jährliche „Klettertraining“ mit Michi Hoffmann, seineszeichens Bergführer, DAV Ausbilder und Buchautor. 2014 Kalymnos, 2015 Mallorca, 2016 Mazedonien – und in 2017 Sardinien. Die Idee war, sich in den sechs Tagen (ich hatte nur fünf) auf den Südwesten der Insel zu konzentrieren. Der Flieger ging über Rom nach Cagliari, ein kleines Mietauto, vollgestopft mit uns und unserem Gear, brachte uns dann zu unserer Top-Unterkunft in Villamassargia. Hier meine Tagebuchaufzeichnungen, nur wenig editiert:

7. 10. 2017
Domusnovas – Castilandia, nördlich von Donusnovas davon in den Bergen. Wüste Schotterstraße hochgefahren, gottseidank hatten wir die Mietkarre gleich komplett versichert, incl. „Unterboden“. 5 min Zustieg. Sonne nur am Vormittag, Wandfuß im Schatten. Ganz toller Fels, rot und scharfe Noppen, vom 5er bis 8+ alles da, insgesamt 15 Routen; „Secondo dito“ 6c flash (den Riss in der Mitte), und die 7a+ (im neuen Führer 7b) „Tortura Chinese“, 23m, ausgecheckt, dem Michi als Flash angesagt, der flashte sie, und ich beim Rotpunkt-Go am vorletzten schweren Zug am Bauch oben runtergefallen.

Superschöne Wand oberhalb von Domusnovas: Castilandia

8. 10. 2017
Sektor „Animal House“ hinter Domusnovas. Davor hatten wir uns den Sektor „Betty“ angesehen, den Betty, unsere Wirtin, (mit?)finanziert hat, war aber nix Gescheites.
„Hot Dog“ 6c 20m an einem Sinter onsight, gute Route. Links daneben „Felix“, 7a+, sauschwer, hab ich nur ausgebouldert, unglaublich anhaltend, unten kraftig, oben Platte mit Leisten. Im Überhang toprope in „T. Rex“, 7b+, dringewesen, DIE Linie an dem Riegel, an einem geilen, ziemlich überhängenden Sinter hoch. Keine Chance, bin leider zu schwach dafür. Insgesamt hat uns „Animal House“ nicht komplett überzeugt, das mag aber auch am mangelnden Kletterkönnen gelegen haben.

Das Hinterland von Domusnovas

9. 10. 2017
Capo Pecora, beim Tradklettern. Auf der Hinfahrt wird mir wegen der Kurven (als Beifahrer, es sind aber gar nicht soviele. Kein Vergleich mit Korsika) fast ein bissl schlecht. Sensationelle Küste mit geilsten Granitfelsen mit Tafonis und „Wollsackverwitterungen“, Hammer. Wunderbare Strände, darunter der Strand mit den „Dinosauriereiern“. Verwitterter Granit, teilweise von den Formen sehr an Bleau erinnernd. Nach einer guten Stunde Küstenwanderung an den Türmen angelangt, „Big Ben“ und „Big Bong“, aber Michi will nicht runter weil ihm das Gestein zu instabil erscheint und der Seegang womöglich auch zu hoch ist. Es schaut auch wirklich aus als ob ein paar Riesen Legos aufeinander gestapelt hätten. Letztendlich klettern wir im Sektor „Nel Regno di Onan“, nicht direkt am Meer, lauter Pfeiler, keine Bohrhaken, aber oben i.d.R. Umlenker, mit meinen mitgebrachten Friends und Keilen. Das klappt wunderbar, alles nicht so schwer, Rehaklettern am dritten Tag.

Capo Pecora: Wunderschön wild

10. 10. 2017
Hinter Domusnovas: nahe der Grotte erstmal „Sherwood Area“ und dann, „Punta Pilocca“, das Michi auch von Früher her kannte. Sherwood: netter Sektor; „Il Complesso della Placca“, 15m, 6b+, sehr technische Platte mit einigen kniffligen Stellen, hart bewertet, onsight (und auf Video!). Wir checken weiter links ne Sinterroute (7a+) mit hartem Boulderausstieg oben aus, aber der Zug oben ist extrem.
Also geht es weiter Richtung „Punta Pilocca“ nach 15 km Schotterstraße, tw. wüst, aber wunderschöne Landschaft (lichter Wald, immer wieder mal verlassene Bergarbeiter-Gebäude), Straße offiziell fahrbar. Unterwegs sehen wir einen rostigen Förderturm, da wird seit sicher 50 Jahren nix mehr gefördert.

Punta Pilocca – tolle Sinterrouten

Wie immer kurzer, in dem Fall steiler Zustieg. Oben eine beeindruckende Arena mit schweren, senkrechten Touren an und zwischen einigen Sintern im Mittelteil. Links und rechts leichtere Platten. Erst eine gruselige 6c, lang, „in genialem Fels, ausgesetzt und mit distanzierten Hakenabständen“ (Führer), „Grigi vuoti D’Indifferenza“: Ich konnte sie nach Michis Go flashen, hab mich aber schon gefürchtet. 8-9 Haken auf 30m, Hakenabstände tw weiter als 3m, und „ausgesetzt“ stimmt einfach.
Und dann die Sinter-7a, „Paquito“, Sinter leicht überhängend, schon kraftig, mit einem möglichen Knieklemmer in der Mitte (Michi mit seinem Fiveten-Kniepad!). Oben Ausstieg in eine graue Platte mit extrem scharfkantigen Zapfen. Mein Flashversuch gescheitert am Schlüsselzug oben, dann nochmal toprope.
„Paquito“ – Schlüsselsequenz (wen’s interessiert): vom Sinter aus mit rH an den linken Zapfen kreuzen(!), Körper nach links rüberlassen, mit lH zwischengreifen, hoch und oberhalb des Zapfens mit lH in eine hängende scharfe Seitleiste, Körper wieder nach rechts und mit rH auf das Ende des Sinters greifen (schlecht), hoch mit rH in den Untergriff (Zange, gut platzieren, schwerer Zug), mit lH links dazu, aufrichten, mit rH auf Zange halben m weiter oben, mit lH links daneben dazu (Untergriff), Füße hoch, mit lH eins weiter zwischengreifen und dann, oberhalb des Bauches, in einen hängenden guten Schlitz. liF auf ne Leiste links außen, reF auf guten Tritt rechts, und lH hoch auf den Bauch an zwei extrem scharfe Zapfen, die sauweh tun (Zeit zum Platzieren nehmen: Daumen um den oberen, ZF und MF um die unteren, dann ist es erträglich, evtl clippen). liH links dazu auf eine ebeso scharfe  Leiste, Füße sortieren, mit dem liF(!) ansteigen, hochdrücken, und dann ist man aus dem Bauch raus und steht und kann clippen (besser als vorher). In der Platte nicht zu früh nach rechts queren.

Wir beobachteten eine komische Aktion eines schweizer Pärchens: sie kletterte im rechten Teil (so ein Rondell) eine leichte Route, konnte/mochte aber oben nicht mehr weiter und querte rechts raus. Er ging mit Turnschuhen am Seil hoch, Grigri nachziehend, nahm alle Exen mit bis auf die letzte – sie hingen also beide an nur einer Exe. Ob sie das Seil schon um den Baumstumpf, der oben an der Kante rausragte, gelegt hatte, konnten wir nicht mehr genau sagen, jedenfalls wollte der Kerl tatsächlich die letze Exe aushängen und rüberqueren (davor hatte er zu ihr deutlich hörbar gesagt, „gib mir Seil“, aber wie hätte sie das machen können, es war straff zwischen den beiden; klarer Aussetzer). Nachdem Michi dann doch was gesagt hatte, machte das Mädel dann wenigstens einen Mastwurf um den Baumstumpf. Dann verschwanden sie oben und seilten schließlich ab. Sehr seltsam.

11. 10. 2017

Masua – am Meer, Castello dell’Iride, Kalk-Felsriegel hoch über dem Meer, genialer Ausblick – und sauheiß. Wir wurden gegrillt, als Sicherer sowieso. Trotzdem Klassiker wie „Supergulp“ (35m, 2 SL in einem, 6a) in einer genialen, leicht geneigten Lochplatte gemacht, aber schon da „gefürchtet“ – das zog sich irgendwie von gestern weiter. Kein Wunder, wieder viel Bier und erst um 2:00 im Bett, wie bescheuert. Noch mehr in „Damien“ gefürchtet, 6a+, komische Linie nach links rüber, tw an Schuppen, mit einem Sammelsurium an Haken; das Erste, was wirklich gut lief, war eine Toprope 6c („Chi vola vale“) mit einem harten Zug aus dem Bauch raus. Das Beste war dann „Body and Soul“, wieder Platte, 6b+, ein genialer weißer, ganz leicht geneigter Pfeiler mit einem Fingerriss in der Mitte, der zeitweise verschwindet. Zum Schluss Sturztraining. Bei dem ich als Sicherer irgendwie nicht unter dem Lot stand, und auch keinen Fuß an der Wand hatte, und es mich nach dem ersten Sturzzug nach links abgekippt hat und ich mir die Fingerknöchel aufgeschrammt habe. Michi demonstrierte das Sichern mit „Dynamischer Führungshand“, was derzeit im DAV-Lehrteam diskutiert werde. Die Führungshand hat eine kleine Seilschlaufe in der Hand zum Sicherungsgerät hin und lässt sich beim Sturzzug nach oben ziehen. Ergibt sehr weiches Sichern. Nachteil: wenn die Schlaufe zu lange ist, verbrennt man sich die Finger, und man kann kein Seil mehr ausgeben, wenn doch kein Sturz erfolgt.

Masua – Castello dell’Iride


Fazit: Sardiniens Südwesten ist toll, und es gibt sicher noch viel mehr da zu entdecken. Sensationell war das Capo Pecora, allein aufgrund der außerirdisch schönen Granitformationen. Punta Pilocca und Domusnovas / Castilandia sollte man auch gesehen haben. Und Masua / Castello dell’Iride ist ein Traum (wenn nicht grad volle Kanne die Sonne reinknallt). Der Osten der Insel soll ja auch einiges zu bieten haben…
Unsere Unterkunft: http://www.gioiosaguardia.it/

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