Zwischen „Erde und Himmel“ in der Alpawand

Hi climbers,

endlich war er da, der heiße Sommertag mit 30° im Tal, und wir – Pascal und ich – haben ihn am ersten Juli 2016 punktgenau erwischt. Genau das Richtige für eine der tollen Routen an der Alpawand, einer imposanten, bis zu 500 m hohen Wand (Gipfel: 1671 Meter hoch) mit Nord- bis Nordwest-Exposition. Sie liegt zwischen Unken und Lofer bei dem kleinen Weiler Reith. Für das moderne „Plaisierklettern“ erschlossen wurde sie erst ab 2001 von den beiden unermüdlichen Routenfexen Josef Brüderl und Fritz Amann (Topos: hier) Die Jungs sind bekannt für sehr gut abgesicherte Touren in fast immer hervorragenden Linien. Letztes Jahr konnte ich mit Holger die „Wassersymphonie“ (8-) an der Alpawand gehen, jetzt war es die „Earth and Heaven“ (7+), mit 17 Seillängen und 550 Klettermetern, neben der „Geier“ (8) die längste Tour im zentralen Teil der Wand.

IMG_1181 Alpawand frontal edit Earth

Und die beiden Touren stehen sich in nichts nach. Wo die „Wasser“ mit knackigen Einzelstellen und schöner Plattenkletterei aufwartet, punktet die „Earth“ mit spektakulären Seillängen und manchmal rissartigen Verschneidungen. Einige davon gehören zum Schönsten, was ich je unter Fingern und Füßen hatte. Etwa die 7. Seillänge, die „Dürnberger Verschneidung„: eine 40 Meter lange, kaminartige Kletterei, die zwar weniger der Fingerkraft, aber mehr dem Orientierungssinn des Kletterers im dreidimensionalen Raum alles abverlangt.

"Dürnberger Verschneidung", 6+, von unten

„Dürnberger Verschneidung“, 6+, von unten

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Dürnberger Verschneidung, Stand nach 40 m

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Die letzten Meter der Dürnberger Verschneidung, dann geht es rechts raus auf die Platte.

IMG_1124 pascal dürnberger Man schiebt, spreizt und quetscht sich nach oben, die Hakenabstände sind sportlich (was laut Amann und Brüderl Absicht war, um ein wenig „Klassiker-Feeling“ aufkommen zu lassen – das ist mit Sicherheit gelungen!). Teilweise sieht man meterweit in den Spalt hinein, der sich über mehr als 50 Meter nach oben windet. Ein Ganzkörper-Workout: In dieser Seillänge, deren Schwierigkeit mit 6+ angegeben ist, aber leicht auch als 7er durchgehen könnte, kam ich im Vorstieg ganz schön ins Schwitzen. Nach 40 Metern liegen ein paar Boller quer verkeilt im Riss, und auf ihnen hat sich eine ebene Fläche gebildet, die einen bequemen Stand abgibt.

Absolut unvergesslich ist auch die 15. Seillänge: eine 6er-Querung auf dem linken „Nasenflügel“ zur „Nasenspitze“. Wie es Nasenflügel so an sich haben ist die Wand an dieser Stelle leicht geneigt und mit genialen Griffen und

15. Seillänge: auf dem Nasenflügel der Nase

15. Seillänge: auf dem Nasenflügel der Nase

Tritten gesegnet, welche die recht ausgesetzte Querung viel mehr zum Genuss als zum Pychostress machen. Die eng gesetzten Haken tun ein Übriges. Das Gefühl, als ich um die Ecke bog, in die ersten Sonnenstrahlen des Tages, und endlich auf dem Nasenrücken stand, war schier unbeschreiblich: 400 Meter Luft unter dem Hintern, eine 250°-Aussicht auf die Berge ringsum und diese geniale Wand unter mir – ein Genuss, der Seinesgleichen sucht. Die 16. Seillänge ist nochmal gut im 7. Grad, wobei sowohl Pascal als auch ich die angesagte 7+-Stelle vermissten – so schwer kam es uns nicht vor.

IMG_1096 einstieg

Pascal am Einstieg der „Earth“

IMG_1098 erste SL Bruch

Erste Seillänge – „schön“ bröselig

Für die Kletterei hatten wir genau sieben Stunden gebraucht, also knapp 25 Minuten pro Seillänge, womit wir glaube ich zufrieden sein können. Auch die meisten der von mir jetzt nicht extra beschriebenen Seillängen sind wunderschön, viele bieten wiegesagt interessante Risse und Verschneidungen und ein paar Alpawand typische wasserzerfressene Platten, die sich wunderbar klettern lassen. Die Schönheit des oberen Teils der Route erkämpft man sich halt mit den ersten hundert Klettermetern, die den Schrofenvorbau überwinden und teilweise brüchig sind, vor allem in der ersten Seillänge. Wir achteten penibel darauf, keine Steine loszutreten, was weitgehend auch gelang; nach uns kam eine weitere, österreichische Seilschaft. Generell ist diese Route trotz der guten Absicherung durchaus „alpin“ zu nennen: Der Fels ist auch weiter oben nicht immer fest, und die Länge der Tour verlangt schon ein bischen Fitness. Ich wäre ungern als zweite Seilschaft eingestiegen, vor allem, nachdem die Österreicher noch erzählt hatten, dass es letztes Jahr in der „Earth“ einen Nachsteiger per Steinschlag erwischt hatte… Keile und Friends kann man getrost zu Hause lassen. Dagegen sind ein paar lange „Alpinexen“ in dieser Route nicht zu verachten, um den Seilzug entschärfen zu können.

Nach einem Eintrag ins Wandbuch am Ausstieg gings dann steil bergab durch die Latschengassen auf den Almboden (märchenhafte Landschaft!) hinter der Alpawand und von hier über den 470er-Wanderweg (der zur Traunsteiner Hütte führt) zum Rucksackdepot.

IMG_1150 dach IMG_1147 doppelselfie IMG_1168 400 m Luft IMG_1139 hoch zur Nase


 

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