Oberreintal: „Hei, mi leckst am Arsch!“

Hi climbers,

letzten Donnerstag und Freitag war ich das erste Mal im Oberreintal auf der Oberreintalhütte, unterwegs mit Valentin, Sebi und Dieter:

Oberreintal-Hütte - Kletterers Stützpunkt mit Tradition

Oberreintalhütte – Kletterers Stützpunkt mit Tradition

Der Wecker meines Handy’s klingelt, ich gucke drauf – 6:30 – „Scheiße“, denke ich, ich müsste JETZT schon am Treffpunkt sein. War gestern wohl doch ein Bier zuviel, und ich wunderte mich noch, warum mir mehr als sechs Stunden Schlaf angezeigt wurden. Schnell eine Panik-SMS an Valentin getippt („bin in 10 bis 15 Minuten da“), das gestern Abend schon hergerichtete Zeuch in den Rucksack geschmissen, noch ein paar Bananen und ein halbes Pfund Quark eingesteckt und wie der Teufel losgeradelt zum Treffpunkt nahe der Garmischer Autobahn. Ich bin 20 Minuten zu spät, aber die Kameraden – Valentin, Sebi und Dieter – nehmen es gelassen. Mit Sebis VW-Bus (2 Radl drin, 2 hinten drauf) geht es nach Garmisch, wo wir das Auto abstellen und auf die Räder umsteigen.

Gach geht's rauf mit'm Radl zur Partnachalm

Gach geht’s rauf mit’m Radl zur Partnachalm

Wir fahren Richtung Partnachklamm und ca. einen Kilometer davor den steilen Weg hoch zur Partnachalm. Mensch, geht das gach los, die Herzfrequenz in den steilsten Stücken sofort auf Anschlag, und wenn man mal absteigen muss, ist es vorbei, wiederaufsteigen ausgeschlossen. Wenigstens ist es nicht heiß, der Wald dampft vom Regen der letzten Tage, und wir sind recht schnell völlig nassgeschwitzt. Dummerweise müssen wir sogar wieder komplett runterfahren ins Reintal zur Partnach, eine Verbindungsforststraße ist gesperrt wegen Baumfällarbeiten, was uns noch ein paar Höhenmeter mehr einbringt. Die Partnach hat viel flaschengrünes Wasser, und es gibt immer wieder spektakuläre Blicke in Schluchten und Klammen, wo sich dieser wildtosende Bach durchwindet.

Bei der Abzweigung Richtung Oberreintal ist Schluss mit Fahrradlfahren, wir sperren die Bikes im Walddepot zusammen und beginnen den anstrengenden Aufstieg über viele Serpentinen, Stufen und Wurzeln Richtung Oberreintalhütte. Ein paar hundert Höhenmeter vor der Hütte ein

Trag'st a Holz hoch, kriag'st an Schnaps!

Trag’st a Holz hoch, kriag’st an Schnaps!

Holzstoß, und die freundliche Bitte des Wirtes auf einem Schild, sich doch so ein Meterscheit auf den Rücken zu laden und hochzutragen – natürlich machen wir das (mit zusammengebissenen Zähnen und einem schiefen Lächeln auf den Lippen, während das Scheit unbamherzig in den Nacken drückt), was uns oben einen Schnaps einbringt – irgendwie weiß Hans, der Hüttenwirt, immer, wer ein Scheit mitgenommen hat und wer nicht, auch wenn er wie meist vor der Hütte bei Kaffee und Zigaretten sitzt und den Stapel hinter der Hütte eigentlich nicht sieht, auf dem die Scheite landen.

Um halb zwölf sind wir also oben, die einzigen Gäste, und machen erstmal Brotzeit. Ich hab natürlich die Hälfte vergessen bei meinem fluchtartigen Aufbruch und muss mich von meinen Kameraden aushalten lassen. Wenigstens kann ich Tomaten, Schafskäse und Studentenfutter beisteuern. Wir sitzen mit Hans unter dem gelben Regensegel vor der Hütte, das er schon zwei Wochen nicht mehr abgebaut hat wegen dem Dauerregen. Beim Blick auf die Oberreintaltürme ringsum – ein grandioses, ehrfurchteregendes Panorama – wird uns etwas bang: können wir überhaupt was klettern, ist da nicht alles zu nass? „Wenn nicht, müssen wir uns die Situation halt schönsaufen“, sagt der Sebi und grinst.

Hans, der Hüttenwirt der Oberreintalhütte.

Hans, der Hüttenwirt der Oberreintalhütte.

Die Oberreintalhütte: Kletterer's Stützpunkt mit Tradition

Die Oberreintalhütte: Kletterer’s Stützpunkt mit Tradition

Nach einer dreiviertel Stunde werden wir nervös und beginnen unseren Kletterkram auseinanderzuklamüsern. Hans schlägt eine der neueren Routen vor, die „Don Giovanni“ (7-) an der Ostwand des Oberreintalturmes, erstbegangen am 31. Juli 2013 von Martin und Andi. Die Route hat 10 Seillängen und ca. 340 Klettermeter. Wir schnappen uns das Topo aus dem Neutourenbuch (zu finden auch hier: http://www.hbgap.de/neutouren.html) und laufen gegen 12:30 los, erst in den Talboden unterhalb der Hütte (wo von weit oben später ein paar seltsame Steinkreise und das auch mit Steinen gelegte „ACDC“-Logo zu sehen sein werden) und auf der anderen Seite wieder hoch, über Wasserrinnen und Latschenfelder. Nach einer dreiviertel Stunde sind wir am Einstieg der Route, allerdings schon bei Seillänge drei, wo wir über ein Band hinüberqueren können. Erste Seillänge 5-, zweite Gehgelände – ich glaube, wir habe nichts verpasst.

Ich steige also ein in die dritte Seillänge (6+), ein leicht schräg nach links oben ziehender Riss mit viel Gras dazwischen. Und ich tu mich wirklich nicht leicht: Das Graszeug ist feucht ohne Ende und auch der Fels nicht ganz trocken.

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Die Kletterschuhe werden trotz vorsichtigen Steigens nass an der Spitze. Abgesichert ist die Route gut, die Bohrhaken sind aber nicht immer sinnig angebracht. Ich bin froh, als ich oben bin, und auch dem Valentin, meinem Seilpartner, gefällt diese dritte Seillänge der Tour im momentanen Zustand nur moderat: „Hoffentlich wird das trockener weiter oben“. Es wird, ab der nächsten Seillänge geht es einigermaßen mit der Nässe. Die nächsten drei Längen bewegen sich alle im Schwierigkeitsgrad 5- bis 6-, sind teilweise mit brüchigem Fels gesegnet und insgesamt relativ unspektakulär. Das ändert sich mit der 7. Seillänge (6+), die einem senkrechte und kraftige Kletterei abverlangt und richtig Spaß macht. Auch die nächste Länge (7-), die Valentin vorsteigt, bietet spannende Kletterei über eine fast senkrechte Platte mit einer Verschneidung rechts, die hin und wieder das Spreizen erlaubt. Der Stand unterhalb eines Pfeilers ist ein paar Meter links von der senkrechten Linie platziert, was Valentin eine wackelige Querung beschert, wobei die einzigen guten Tritte sich als „Müsli“ (Valentin) erweisen.

Von dieser Stelle aus gibt es zwei Varianten, von denen die linke („Cosivantutti„) sich für 15 Meter im 8er-Bereich abspielt. Ich überlege zwar kurz, denk mir aber, ich muss hier nicht den Helden spielen – 8er im Fels in Mehrseillängen sind mein Ding (noch) nicht, auch wenn die Passage mit vier Bohrhaken sehr gut abgesichert ist.

Was mir die Entscheidung auch erleichtert: es beginnt zu tröpfeln. Also schwinge ich mich auf den Pfeiler rechts hoch, was auch schon knifflig ist: ich muss weit spreizen, rechts gibt’s in der glatten Wand keine Griffe, und der Schwung zum nächsten Haken ist eine rechte Zitterpartie. Oben geht es ausgesetzt um die Ecke und dann leichter hoch, aber es kommen über die nächsten 10 Meter keine Haken mehr, und der Fels macht teilweise einen brüchigen Eindruck – etwas inkonsistent gebohrt ist die Route schon. Ich lege eine Zwischensicherung mit einem Camalot/Friend, was die Situation etwas entschärft, und finde den Stand.

Als Valentin bei mir ist, regnet es ordentlich und es donnert. Unsrere nachfolgende Seilschaft mit Sebi und Dieter seilt ab. Binnen Minuten füllt ein lautes Rauschen die Luft, vom Schüsselkar und dem Oberreintalschrofen stürzen Wassermassen runter und sammelt sich in den Rinnen, dort hat sich das Gewitter wohl überwiegend abgeregnet. Kurzzeitig beginnt es zu hageln, Valentin und ich gehen die verbleibenden zwei, drei Seillängen im leichten und leider brüchigen Gelände weiter. Vali steigt vor, da er das Gelände kennt, und sitzt auf einmal quietschvergnügt im Trockenen unter einem Felsdach, als ich ankomme: er hat mit zwei Keilen einen Stand gebaut, und so warten wir ein paar Minuten, bis der Regen nachlässt.

Wir seilen über die Abseilpiste an der Westseite des Oberreintalturmes ab, sehen rechts das im Fels montierte Radl in der „Fahrradlkant’n“ und unten das blau-weiße Fahrradweg-Verkehrsschild, das den Einstieg in diesen Klassiker markiert. Es hat zum Regnen aufgehört, teilweise kommt sogar wieder die Sonne durch und erzeugt eine unglaubliche Stimmung. Klettern_Oberreintal_klein_005Das Seil ist triefnass und wird beim Abseilen auf unsere Hosen regelrecht ausgewrungen. Gegen 18:30 sind wir wieder an der Hütte, wo die anderen schon sitzen und ein Bier trinken. Hans sammelt unsere mitgebrachten Soßen und Spaghetti ein und kocht, wir haben einen mords Kohldampf. Die „Don Giovanni“, so sind wir uns einig, ist jetzt kein absolutes Highlight im Oberreintal, aber wenigstens waren wir draußen und konnten klettern! Hans stellt uns eine Kiste Bier hin und verschwindet bald im „Privat“-Zimmer, und wir machen noch viele Striche auf unseren Getränkezetteln, bis wir uns dann ins Schlaflager legen, wo wir freie Auswahl haben.

 


 

„Gutn Morgn. Kaffe und Teewasser sind fertig, ’s Weda is schee!“ schallt es um zehn vor acht in den Schlafraum. Und tatsächlich: die Gipfel der Berge sind sonnenbeschienen, der Himmel blau. Wir frühstücken ohne Eile, denn das Nässeproblem besteht ja weiterhin: viel Auswahl an trockenen Routen haben wir nicht. Die Oberreintalveteranen Sebi und Valentin suchen das „Gelbe U“ (6) am Unteren Berggeistturm aus, ein weiterer Klassiker, und von beiden schon mehrfach begangen. Deswegen freut es mich, dass ich die schönste Seillänge – eine tolle Rissverschneidung, die aber ob der vielen Begehungen schon ein wenig abgespeckt ist – vorsteigen kann.

Sebi in der Schlüsselseillänge des "Gelben U" (6)

Sebi in der Schlüsselseillänge des „Gelben U“ (6)

Das „U“ ist tatsächlich weitgehend trocken, nur in irgendwelche Löcher oder Spalten sollte man nicht tiefer reingreifen. Auch die ersten drei oder vier leichten Seillängen (4er und 5er) nach dem Einstieg machen Spaß (wenn man auch ein wenig auf lose Steine achten muss), und weiter oben wird die Kletterei zum reinen Genuss. Die Absicherung ist gut, Friends und Keile aber schaden auch in dieser Route an der ein- oder anderen Stelle nicht.

Beim Abseilen über die Abseilpiste in einer Felsrinne – wir nehmen immer nur ein Seil, um die Steinschlaggefahr zu verringern – fällt mir mein Abseilgerät ATC Tube aus den Händen und klonkert die Rinne hinab. Eine halbe Seillänge muss ich also mit HMS abseilen, was ohne Probleme geht, aber Krangel im Seil verursacht. Verrückterweise findet Valentin das ATC wieder, das irgendwo in der Rinne zu liegen kam.

Sebi, Dieter, Valentin und Georg (v.l.n.r.)

Sebi, Dieter, Valentin und Georg (v.l.n.r.)

Nach einer Brotzeit auf der Hütte – jetzt sind sogar ein paar neue Gäste da, die ebenfalls einen Schnaps bekommen, wenn sie ein Holzscheit hochgetragen haben – packen wir unsere Sachen, lassen uns von Hans noch auf der „Hei, mi leckst am Arsch“-Bank Klettern_Oberreintal_klein_011vor der Hütte fotografieren (der Standardgruß im Oberreintal) und treten den Rückweg an. Wir sind so spät dran, dass wir uns sogar trauen, mit den Bikes durch die Partnach-Klamm zu fahren, was zwar spektakulär, aber für die verbleibenden Fußgänger nicht immer ganz nett ist (wobei, wir steigen immer brav ab und bedanken uns, wenn uns welche vorbeilassen). Schon am Ende, ein paar Meter nach der schon geschlossenen Eingangshütte, schießt einer auf mich zu, fuchtelt wild mit einer Plastikkarte vor meinem Gesicht herum und schreit „Security! Fahrradfahren verboten, schieben, das kostet normal 60 Euro!“ Warum es heute keine 60 Euro kostet, verrät er mir nicht, aber so genau will ich es gar nicht wissen. Ich steige ab, schiebe ein paar Meter und steige wieder auf. Valentin’s Kommentar: „Wo ham’s denn den rauslassen“.

Hans' neueste Kreation: ein Pissoir, das in der Nacht leuchtet (damit Mann besser reintrifft), ein Solarzellenbatterielicht macht's möglich!

Hans‘ neueste Kreation auf der Oberreintalhütte: ein Pissoir, das in der Nacht leuchtet (damit Mann besser reintrifft), ein Solarzellenbatterielicht macht’s möglich!

5 Gedanken zu „Oberreintal: „Hei, mi leckst am Arsch!“

  1. Da habt Ihr ja trotz widriger Umstände ne menge Spass gehabt. Die Erzählung Eures Abenteuers hab ich mit Vergnügen gelesen. Obendrein eine interessante Beschreibung Eurer Touren im Oberreintal.

  2. Dieser Spruch der Gestern von Weltmeisterin Monika Dahlmeier als Gruß
    an all ihre Bergsteigerkameraden gerichtet. Derselbe ist mir seid 60 Jahren bekannt.
    Der Fischer Franz (langjähriger Hüttenwirt) hat den kreiert, damals an seine Kletterer, die im Oberreintal auf bestimmte Touren unterwegs waren. Auch Preissen, Sachsen usw., waren dort beim Klettern, durchwegs gute Kletterer, sollte alles in Ordnung sein bei der Tour, oder nicht, so Klang manchmal das Wort „Hallo“ vom Felsen. Man wußte nicht ist alles in Ordnung?, oder ist man in Schwierigkeiten. Das wurde geändert, mit dem Spruch – hei mi leckst am Arsch – schreit der Franz – wenn alles ok war kam die Antwort – Du mi a!

    Kern Nuggi

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